Gestern Abend saß ich bei meinem Vater am Küchentisch. Mein Vater ist 65 Jahre alt, seit Jahrzehnten in der Produktion. Ein typischer „Knauzkopp aus dem Betrieb“, wie er selbst sagt. Klar in der eigenen Meinung, allergisch gegen Buzzwords.
Ich habe ihm eine Frage gestellt, auf welche ich durch zahlreiche Vertriebsgespräche gekommen bin:
„Wenn eure Personalabteilung morgen sagt: ‚Lad dir mal unsere neue Mitarbeiterassistenz-App runter‘. Was würdest du machen? Und stell dir bitte vor, ich wäre nicht dein Sohn und würde genauso eine App anbieten.“
Er hat nicht lange überlegt. „Würde ich machen. Man interessiert sich doch für sein Unternehmen. Man will doch wissen, was los ist. Und Apps gibt’s überall. Mit meiner Krankenkassen-App komme ich ja auch gut klar. Und guck dir Whatsapp-App an.. die ganzen älteren Leute spielen damit. So schwer scheint es ja dann nicht zu sein.“ Dann ergänzte er einen entscheidenden Satz: „Es muss einen klaren Mehrwert haben. Und wenn wichtige Infos nur noch da drinstehen – ja gut, dann geht man halt darein.“
Ich musste ein wenig schmunzeln. Aber genau da steckt etwas drin, das ich seit Jahren in der HR-Beratung beobachte. Die Sorge vieler Personaler, die lautet: „Unsere älteren Mitarbeiter nutzen das nicht. Die verstehen das nicht. Die wollen das nicht.“
Meine Erfahrung und das Gespräch gestern zeigen etwas anderes: Die Frage ist selten das Alter, die Frage ist Relevanz. Und Einfachheit in der Bedienung.
Produktionsmitarbeiter, Monteure, Schichtführer - das sind Menschen, die hochkomplexe Maschinen bedienen, Fehlerbilder analysieren, Prozesse im Griff haben. Aber angeblich sollen sie an einer App scheitern?
Was sie nicht wollen, ist Spielerei. Was sie nicht wollen, ist ein weiteres Tool ohne erkennbaren Nutzen. Was sie nicht wollen, ist etwas, das „für HR schön aussieht“, aber ihren Alltag nicht besser macht.
Was sie sehr wohl wollen, ist Information, Einfachheit, Transparenz, Zugänglichkeit, Beteiligung und nicht für dumm verkauft werden.
In meiner Zeit in der HR-Beratung habe ich Azubis erlebt, die sich über analoge Prozesse wundern. Und erfahrene Facharbeiter, die ganz selbstverständlich mit digitalen Wartungssystemen umgehen. Die Trennlinie verläuft selten zwischen „jung“ und „alt“. Sie verläuft zwischen „sinnvoll“ und „überflüssig“.
Technikvermeidung ist oft keine Altersfrage, sondern eine Relevanzfrage. Und ganz sicher manchmal auch einfach eine Führungsfrage. Wenn wir Digitalisierung immer als Option formulieren („Kannst du ja mal ausprobieren…“), bleibt sie optional.
Wenn sie Teil des normalen Arbeitsalltags wird, wird sie selbstverständlich.
Vielleicht sollten wir öfter am Küchentisch testen, was wir im Unternehmen für unmöglich halten.